Macrophenia

Author: Uwe Spreu

13 April 2011

Zuerst sieht man - nichts.  

Schwarze Quadrate....   Aber die kennt man ja schon zur Genüge, also schnell weitergegangen . . .

Nimmt der Vorübergehende jedoch die wenigen Spuren der kaum wahrnehmbaren Motive in den undurchdringlich dunklen, unnahbar wirkenden Bildern von Uwe Spreu auf, wird er in eine Welt geheimnisvoller Räume von zeitloser, stiller Schönheit geleitet.

Schemenhaft und abstrakt, gleichsam als Negativformen, zeichnen sich ganz unterschiedliche Strukturen ab – kleine unregelmäßige Formanhäufungen, Liniennetze und Schraffuren werden zu Bäumen auf einer Lichtung, die sich im dunklen Hintergrund verliert, oder lenken den Blick zwischen Ästen und Zweigen hindurch, über hohe Grashalme hinweg auf einen See bis ans andere Ufer.

Die beherrschende Dunkelheit der Arbeiten, die auf eine längere Entwicklung zurückblicken und in dieser Form seit 2003 entstehen, basiert auf einem Paradox: Das auf dem Negativ aufgenommene Licht wird in der Dunkelkammer auf dem Papier so stark reduziert, als würde alles Licht und dessen Leuchtkraft im Ergebnis negiert.

Aus ursprünglich hellen Tageslichtfotos entstehen in der Dunkelkammer dunkle, fast schwarze Bilder. Spreu nutzt dafür eine klassisch-analoge Vergrößerungstechnik, die während des Prozesses noch ein hohes Maß an Gefühl zulässt. Deshalb ist für ihn das Selbstanfertigen der Abzüge genauso wichtig wie das Fotografieren selbst. Meistens bleibt es bei nur einem Abzug, insbesondere bei jenen Bildern, die er als Tableaus auf schwarzen Simocel-Platten weiterverarbeitet oder bei den Porträts, die teilweise auf schwarzen Acrylglasplatten aufgezogen werden. Motive, Ausschnitte und Perspektiven, die Verwendung von warmtonigem Barytpapier, Format und Präsentation sind mit Bestimmtheit gewählt. Die Bilder sind bewusst nicht hinter Glas gerahmt, sie zeigen dem Betrachter unverfälscht ihre Oberflächen und Motive.
Spreus Bildsprache ist gleichermaßen Beobachtung und Inszenierung, mit der Fotografie fixiert er zwar Welt, jedoch sind seine Bilder kein explizites Festhalten von Realität, eher suggestive Andeutungen, die ohne prätentiöse Dramaturgie, Kontraste oder Bewegung eine starke emotionale Intensität besitzen. Die Fotografien vermitteln die Anschauung eines der Zeit enthobenen Ortes, an dem Gesehenes und Ungesehenes, Fülle und Leere, Gegenständliches und Abstraktion oszillieren. Dort, wo Landschaft, Dämmerung und Stille zur fastschwarzen Folie verschmelzen, wird eine lyrische Stimmung fühlbar.

Das Verborgene kann bisweilen aber auch sehr beunruhigen. Die Dunkelheit suggeriert unsichtbare Elemente, die den Verstand beschäftigen. Das Ungewisse und die Lautlosigkeit verwandeln die Motive mitunter in ein Mysterium, in etwas Unerklärliches, das den Arbeiten Spreus immanent ist.

Aufnahmen von Landschaften und Gärten stehen der Intuition einer naturgetreuen Abbildung der Wirklichkeit unmittelbar entgegen. Sie enthalten Fragen nach der Echtheit der Welt und der Konstitution ihrer Wahrnehmung. So erscheinen die Kunststoffblumen seiner Stillleben in der Dunkelheit zunächst sehr real, offenbaren dann aber plötzlich ihre völlige Künstlichkeit.
Die Porträts, die Spreu selbst wegen der geschlossenen Augen eher als unbestimmte Bildnisse bezeichnet, halten zeitlose Schönheit und menschliche Würde fest. Sie sind still und fragil, voll Sehnsucht und
 Sinnlichkeit, bleiben aber im Dunkel des Raumes distanziert und unfassbar.

Mit analoger Technik, die Uwe Spreu grundsätzlich zu seiner Arbeitsweise macht, entwirft er einerseits eine zeitgenössische Fotografie ohne dabei in einen Widerspruch zur klassischen Tradition zu treten. Andererseits stehen seine Bilder in einem klaren Widerspruch zur Grundlage der Fotografie selbst, indem sie sich sowohl in ihrer Eigenschaft als Unikate, als auch in ihrer starken Bearbeitung hinsichtlich der Modellierung von Formen, Einsatz von Unschärfen und Grauwertabstufungen, der Malerei annähern. Als Prämisse und Destruktion stellen die Fotografien Uwe Spreus sodann eine neue affirmative Behauptung des Mediums dar.

Diana Umbeer (Kunsthistorikerin, Köln) , Osvaldo Orias (Künstler, Köln)